Die verschiedenen Formen des Spiels vom Kleinkind zum Schulkind

„Eine Reise durch die Spielentwicklung“

WAS BEDEUTET „ROLLENSPIEL“.

Mit etwa drei Jahren beginnen Kinder in das Rollenspiel einzutauchen – eine weitere Phase der Spielentwicklung. Sie sind nun in der Lage, eine Rolle einzunehmen und Handlungen zu gestalten.

Dein Kind ist nun plötzlich selbst die Mama oder im nächsten Spiel vielleicht der Busfahrer oder die Kassiererin im Supermarkt. Oder eine Königin im Reich der Elfen. Erlebtes wird nachgespielt und mit der eigenen Fantasie angereichert.

Das Spiel wird komplexer und ganze Abläufe, die beobachtet wurden, finden sich im Rollenspiel wieder.

Vermutlich hörst du dein Kind dabei merkwürdige Selbstgespräche führen.

Kinder unterstützen ihre Spielhandlungen durch handlungsleitendes Sprechen. Es dient sozusagen als Operationalisierungshilfe, als Unterstützung, die Gedankengänge aus der Fantasie Stück für Stück in einzelne Handlungen in ihrem Spiel umzusetzen. Nebenbei dient es auch der Sprachentwicklung.

Kinder spielen mit zunehmendem Alter nun auch mit anderen Kindern im Rollenspiel.

ROLLENSPIEL MIT SPIELKAMERADEN.

Soziale Strategien werden erprobt. Sie erkennen, dass das gemeinsame Spiel mehr Spaß macht und besser funktioniert, wenn sie untereinander Absprachen treffen. Beim Einhalten der Absprachen und Verhandeln brauchen sie in dieser Phase gelegentlich Erwachsene, die sie dabei unterstützen.

Heftige Gefühle können entstehen, wenn die verschiedenen Vorstellungen nicht gleich zusammenpassen.

Kinder trainieren hier neben vielen anderen Dingen ihre Impulse zu kontrollieren und mit ihren Gefühlen und Frustration zurecht zu kommen. Sie lernen immer besser zu kooperieren und ein gemeinsames Spiel über längere Zeit am Leben zu halten.

Wieder hilft ihnen in diesem freien Spiel die intrinsische Motivation – ihr innerer Antrieb und die innige Freude daran, dabei zu bleiben und ihr Spiel auch über Durststrecken und Rückschläge weiterzuführen oder wieder auf zu nehmen.

Das handlungsleitende Sprechen wird nun gemeinsam praktiziert – als Beobachterin bekommt man den Eindruck, es gäbe es ein unsichtbares Drehbuch. Immer wieder stoppen die spielenden Kinder ihre Handlungen, um kurz die nächste Szene zu besprechen:

„Jetzt sagen wir, du bist das Pferd und ich die Reiterin und ich gebe dir dann Hafer…“.

Immer komplexere Spielwelten werden erschaffen – bis weit ins Volksschulalter tauchen Kinder darin ein. Spielsachen und Requisiten werden dabei als Gedächtnisstützen genutzt, um die Fantasie in Handlungen umzusetzen.

VERÄNDERT SICH DAS ROLLENSPIEL, WENN KINDER ÄLTER WERDEN? Ü1

Im Vorschulalter entwickelt sich daraus das Regelspiel.

„Nachdem sich Kinder die Sinnhaftigkeit von Absprachen und Regeln im Spiel sozusagen selbst erarbeitet haben, beginnen sie Regelspiele zu lieben und zunehmend auch auf die Einhaltung von Regeln – besonders bei den anderen Mitspielern – zu pochen.“

In dieser Phase gehört es auch dazu, dass Kinder die Regeln gern zu ihren Gunsten abändern – so wie sie eben den größten Nutzen haben. Verhandeln, Kooperieren, Umgang mit Frust wird trainiert.

Unabdingbar – unterstützende Erwachsene, die bei Bedarf moderierend eingreifen können und so den Kindern im Prozess weiterhelfen können. Nach und nach nimmt die Bedeutung der Rolle ab und die Regeln treten in den Vordergrund.

Im Volksschulalter beginnen sich Kinder auch dafür zu interessieren, was sie schon alles können und wissen und dies mit anderen zu vergleichen oder unter Beweis zu stellen.

Die Phase der Wettspiele beginnt, nicht zu verwechseln mit Wettspielen, die Erwachsene für Kinder machen.

UND WENN KINDER ÄLTER WERDEN...

Bis zur Pubertät wachsen sich die fantasiebezogenen freien Spiele der Kinder sozusagen aus und wandern „in den Kopf“. Pubertierende und Jugendliche zelebrieren ihre Spielwelten in Gedanken und schwelgen in ihren Träumen und Visionen alleine oder gemeinsam mit anderen.

Auch das handlungsleitende Sprechen wandert in die Gedankenwelt und begleitet uns als Erwachsene als innere Monologe, mit denen wir unser Handeln strukturieren und planen, mit dem wir Dinge abwägen und uns Klarheit über komplexe Sachverhalte schaffen.

Spiel bekommt nun einen anderen Stellenwert. Das sogenannte Ernstspiel beginnt. Jugendliche testen die Erwachsenen auf Herz und Nieren, wie ernst es ihnen mit ihren Werten und Normen tatsächlich ist.

Immer wieder verwickeln sie die Erwachsenen in Diskussionen darüber und haben ein feines Gespür für Unstimmigkeiten. Ein altbewährtes Mittel um Erwachsene, die sich nicht authentisch zeigen wollen aus der Reserve zu locken ist die Provokation.

Jugendliche lernen nach und nach auf diese spielerische Weise, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und den Mut zu entwickeln halbherzigen Werten und Normen nicht auf den Leim zu gehen.

Die Reise durch die wichtigsten Phasen der Spielentwicklung vom Säugling bis zum Jugendlichen durchläuft den Weg von der Wahrnehmung zum abstrakten Denken.

Andre Frank Zimpel beschreibt diesen Vorgang als „Befreiung des Denkens von der Wahrnehmung“ – d.h. im Spiel lernen Kinder zuerst durch Wahrnehmung die Dinge, die Welt und die sozialen Gefüge kennen, um nach und nach ihre Erfahrungen und Erkenntnisse darüber immer besser abzuspeichern und darauf zurückgreifen zu können. Alles was sie erfahren und gelernt haben, formt sozusagen das Denken und das Gehirn und führt direkt in die Fähigkeit der Abstraktion.

„Spiel ist für Kinder eine ernsthafte und wichtige Sache – Maria Montessori nannte es „die große Arbeit“.“ 

Es hat tiefen Sinn für seine Entwicklung und sein Wohlbefinden.

Nehmen wir es als Erwachsene, als Eltern, als Pädagoginnen und Pädagogen, als Therapeutinnen und Therapeuten wichtig und ernst und räumen wir ihm seinen Stellenwert ein.

Schaffen wir Raum und Zeit für das Spiel des Kindes, eine entsprechende Umgebung, eine Beziehung auf Augenhöhe und eine wohlwollende Atmosphäre. Seien wir einfach da für das Kind, lassen es Kind sein und erfreuen uns an seiner Entwicklung.

„Aus Freude am Schönen.

Aus Freude am Spiel.“